Liebe Jubelpaare, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Wenn man viele Ehejahre miteinander unterwegs ist, geht man gemeinsam durch Höhen und Tiefen, macht viele Lebenserfahrungen und sammelt Weisheit. Nicht von ungefähr wird den Älteren und Erfahreneren oft die Weisheit zugeschrieben. Wenn ihr in diesem Jahr auf 30, 40, 50 und sogar 60 Ehejahre zurückschaut, dann sitzt hier ganz viel Weisheit vor mir. Ein kurzes Gebet, das auch in meinem Büro hängt, passt darum sehr gut zum heutigen Festtag. Manche kennen es vielleicht, es lautet so:
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
(Reinhold Niebuhr, 1892-1971)
Dieses „Gebet der Gelassenheit“ ist kurz, aber es enthält das ganze Leben. Wer wie ihr auf viele gemeinsame Jahre zurückschaut, hat dieses Gebet nicht nur gesprochen, sondern gelebt. Auf drei Begriffe aus diesem Gebet möchte ich näher eingehen:
(1) Gelassenheit: Auf dem Lebensweg begegnen uns Freud‘ und Leid, Höhen und Tiefen. Manches Schwere kommt unweigerlich auf uns zu, z.B. Krankheiten, Enttäuschungen oder Veränderungen in der Familie. Gelassenheit ist aber etwas ganz anderes als Gleichgültigkeit.
Gelassenheit heißt für mich, eine gewisse Grundsicherheit im Leben zu haben. Zu einer solchen sicheren Basis gehört für mich auch das Vertrauen in Gott, denn er hat uns das Leben geschenkt und will unser Glück. Eine gute Portion Gelassenheit gibt eine gewisse Stabilität, auch wenn Unvorhersehbares in unser Leben hereinbricht.
Wir kennen alle solche Momente, in denen wir uns getragen fühlen von lieben Menschen um uns herum oder von Gott. Gelassenheit heißt dann: Ich tue, was ich kann und lasse das, was ich nicht ändern kann, vertrauensvoll in Gottes Hand.
(2) Mut: Gelassenheit ist wichtig, aber sie darf nicht träge machen. Wir können einfach am Sofa sitzen bleiben und nichts tun oder wir können mutig unsere Möglichkeiten und Spielräume nützen, anpacken und uns für gute Veränderungen einsetzen.
Im heutigen Evangelium erzählt Jesus von einer Frau, die nicht locker lässt. Eine Witwe, die Tag für Tag zum Richter geht und sagt: „Verschaff mir Recht!“ Ihr Mut ist kein Mut, der laut ist, sondern ein Mut, der beharrlich ist und nicht aufgibt. Jesus lobt sie, weil sie dranbleibt. Sie steht ein für das, was gerecht ist.
Auch in der Partnerschaft braucht es oft den Mut: Mut, nach einem Streit den ersten Schritt zu machen. Mut, sich zu entschuldigen. Mut, gemeinsam etwas Neues zu wagen. Mut, dranzubleiben, wenn es schwierig wird. Ich bin sicher, dass ihr in vielen großen und kleinen Momenten diesen Mut gelebt habt.
(3) Weisheit: Mit den Lebensjahren lernt man zu unterscheiden. Weisheit heißt dann zu erspüren: Ändern oder lassen? Sofort oder später? Reden oder schweigen? Nähe oder ein bisschen Abstand? Weisheit wächst aus Erfahrung, aus Geduld, aus Liebe und manchmal auch aus Tränen. Die Witwe im Evangelium wusste: Ich darf nicht aufgeben.
Eure Weisheit ist in all den Jahren gewachsen und ihr gebt sie in verschiedenen Situationen weiter an eure Kinder, Enkel und an jüngere Paare, die vielleicht erst am Anfang stehen. Dieses „Gebet der Gelassenheit“ passt nicht nur gut für den heutigen Festtag, sondern kann uns alle im Leben begleiten.
Wenn ich in meinem Büro arbeite, werfe ich öfters einen Blick darauf, und frage mich, ob ich hier und jetzt gerade mehr Gelassenheit oder Mut brauche. Und so wünsche ich euch, liebe Jubelpaare, aber auch uns allen, immer wieder neu diese drei Haltungen: (1) Gelassenheit, um das Unveränderliche anzunehmen, (2) Mut, um das Mögliche zu wagen, und (3) Weisheit, um das Richtige zu erkennen. Amen.
(19.10.2025, Pfarrkirche Mieders, verwendete Stelle aus der Heiligen Schrift: Lukas 18,1-8, Bild erstellt mit Canva AI)