Weihnachten: Wunder sehen kann jeder. Jeder, der an Wunder glaubt.

Spruch in der Caritas-Zentrale in Wien

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Vor zehn Jahren habe ich in der Caritas-Zentrale Österreichs in Wien ein Sommerpraktikum gemacht. Gleich am ersten Tag ist mir im Treppenhaus ein Spruch aufgefallen. In großen Lettern steht dort: „Wunder wirken kann jeder. Jeder, der an Wunder glaubt.“ Dieser Satz ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Und vielleicht fragt ihr euch jetzt: Was hat das mit Weihnachten zu tun?

Im Evangelium haben wir von den Hirten gehört. Den ersten Teil der Geschichte kennen wir von gestern: Ein Engel sagt zu den Hirten auf dem Feld: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren.“ (Lk 2,11-12) Und jetzt kommt das Entscheidende: Wie reagieren die Hirten?

Sie sagen zueinander: „Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat.“ (Lk 2,15) Die Hirten glauben der Botschaft und brechen sofort auf. Sie trauen Gott zu, dass der Retter in einer Krippe in Windeln gewickelt zur Welt gekommen ist.

Dabei hätten sie auch ganz anders reagieren können. Sie hätten sagen können: „Ein Retter in einer Krippe? Das kann doch nicht sein.“ Oder: „Wenn schon der Retter kommt, dann doch bitte in Jerusalem und nicht im unbedeutenden Betlehem.“ Solche Sätze kennen wir gut. Warum etwas nicht geht, dafür finden wir schnell Gründe, egal ob im Beruf, in der Familie oder manchmal auch im Glauben. Wir sagen dann: „Das wird nichts!“, „Das schaffe ich nie!“ oder „So funktioniert das nicht!“ Die Hirten hätten all das auch sagen können, doch sie tun es nicht. Sie glauben und gehen los.

Jetzt noch einmal zurück zu dem Spruch aus der Caritas-Zentrale. Für die Hirten müsste man ihn ein klein wenig abändern. Statt „Wunder wirken kann jeder“ würde besser passen: „Wunder sehen kann jeder. Jeder, der an Wunder glaubt.“ Die Hirten waren arm und am Rand der Gesellschaft, doch sie hatten eine Sehnsucht im Herzen. Vielleicht haben sie sich während ihrer Gespräche gesagt: „Das bisherige Leben kann doch nicht alles gewesen sein.“ Sie waren offen für mehr. Und genau deshalb konnten sie Gottes Nähe sehen.

Und wichtig ist mir eines: Das Wunder war keine Zauberei. Das Wunder war, dass Gott ihnen nahe gekommen ist, mitten in ihrem einfachen, unscheinbaren Leben. Ihr Aufbrechen und ihre Begegnung mit Jesus hat dann aber ihr Leben verändert. Der Satz „Wunder sehen kann jeder“ jetzt zu Weihnachten kann eine Anfrage an uns sein. Denn allzu leicht gehen wir irgendwie mit Scheuklappen durchs Leben. Unser Horizont ist eng und wir legen innerlich fest, wie etwas zu sein hat. Dabei übersehen wir, dass Gott größer ist als unsere Vorstellungen.

Vielleicht sind wir den Hirten näher, als wir denken, wenn wir ausgelaugt sind, wenn wir uns fragen, ob da noch mehr ist, wenn wir spüren, dass uns etwas fehlt. Die Hirten laden uns ein, es ihnen gleichzutun. Nicht alles verstehen oder kontrollieren zu wollen, sondern Gott zuzutrauen, dass er es gut meint und auch hier und heute Wunder wirkt.

Vielleicht ist Weihnachten genau das: einen ersten Schritt zu wagen, ein Wunder für möglich zu halten, und dann zu schauen, was geschieht. Die Hirten hatten ein weites, offenes Herz für die Botschaft des Himmels. Und so sind sie ihrem Retter begegnet. Ich wünsche uns allen, dass wir unseren Blick immer wieder weiten: hinauf zum Himmel und hinaus in den Horizont unseres Lebens. Dass wir sagen können: „Gott, du wirkst auch hier und heute. Ich vertraue dir, du mein Retter.“ Amen.

(25.12.2025, Pfarrkirche Neustift, verwendete Stelle aus der Heiligen Schrift: Lukas 2, 15–20)

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