Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Jesus nützt Alltagsituationen um seinen Jüngern, also seinen engsten Freunden, zu zeigen, was ihm wichtig ist. Im heutigen Evangelium sind sie im Tempel in Jerusalem. Da sind die Reichen, die viel geben, und da ist die arme Witwe, die zwei kleine Münzen in den Opferkasten im Tempel wirft. Genau das gleiche könnte es heute geben: Da ist ein Millionär, der viel spendet, und dafür gelobt wird und die Zeitung über ihn berichtet. Und da gibt es viele ganz normale Menschen, die im Unscheinbaren Gutes tun.
In dieser Geschichte ist für mich nicht das Spenden für eine gute Sache das Entscheidende, sondern das ganz persönliche Verhältnis jedes Einzelnen zu Gott. Warum? Es geht hier nicht um irgendeine Spende, sondern um die Opfergabe an Gott im Tempel. Es wird uns die Frage gestellt: Bin ich bereit, Gott mein ganzes Leben zu übergeben und mein Leben am Willen Gottes auszurichten? Oder sage ich zu Gott: Ein bisschen was gebe ich dir, aber nicht mehr!
Im Evangelium gibt es die einen, die nur ihren Überfluss geben. Gott hat für sie wahrscheinlich einen Platz in ihrem Leben, und doch haben sie Angst davor, Gott alles zu geben. Sie wollen die eigene Freiheit behalten und sagen zu Gott: Bis hierher, und nicht weiter! Und dann gibt es die alte Witwe. Jesus sagt über diese Frau: „Sie hat alles hergegeben, was sie besaß.“ Sie vertraut voll und ganz auf Gott. Sie übergibt ihr Leben Gott, sie will den Willen Gottes in ihrem Leben umsetzen.
Ein beeindruckendes Beispiel für dieses grenzenlose Gottvertrauen ist für mich der am 22. Oktober 2024 im Kongo verstorbene Salesianerpater Johann Kiesling, den viele von seinen Österreich-Besuchen kennen. Ich bin Pater Johann Kiesling vor 10 Jahren in Wien zum ersten Mal begegnet. Es waren mehrere kurze Begegnungen und doch war ich fasziniert von ihm als Mensch, als Christ und als Priester. Ausgezeichnet hat ihn eine Freude, die aus dem Innersten kommt, ein Gottvertrauen, das alle Mauern und Hindernisse überwindet, und eine Herzlichkeit, die andere für das Gute gewinnt.
„Père Johann“, wie er liebevoll von der Bevölkerung genannt wurde, war für die Ärmsten der Armen da und baute Brunnen, Krankenstationen, Schulen und Kapellen. Er riskierte sein Leben in kriegerischen Auseinandersetzungen, mehrmals wurden sie ausgeraubt. Doch er gab nie auf und vertraute in allem auf Gott.
Heute haben wir von der armen Witwe und von Pater Johann Kiesling gehört. Das Evangelium stellt heute die Frage an jeden von uns: Wie ist mein Vertrauen auf Gott? Gibt es da Vorbehalte oder Grenzen, die ich Gott setze? Oder kann ich jeden Morgen aufs Neue mein Leben ganz Gott anvertrauen, dem Schöpfer unseres Lebens?
Mich begleitet seit vielen Jahren ein einfaches, kurzes Gebet: „Gott, hier bin ich, dein bin ich!“ Für mich drückt dieses Gebet mein Vertrauen auf Gott aus. Am Morgen beginne ich den Tag ganz bewusst mit Gott. Ich darf in Gottes gütiger Gegenwart leben, ich darf ihm alles übergeben. Am Abend hilft mir, alle Sorge und Anliegen Gott zu übergeben und damit gut einzuschlafen. Es gibt viele Menschen, die kommen am Abend nicht zur Ruhe und haben Probleme beim Einschlafen, weil der Kopf noch so voll ist. Jemand zu haben, dem alles übergeben werden kann, ist befreiend – für mich ist das Gott.
Heute haben wir von der armen Witwe und von Pater Johann Kiesling gehört. Sie waren Menschen, die ihr volles Vertrauen in Gott gesetzt hat. Ihnen war klar: Gott nimmt ihnen nichts, sondern beschenkt sie auf vielfältige Weise. Stärken wir neu unser Vertrauen in Gott, den Urheber unseres Lebens. Amen.
(10.11.2024, Pfarrkirche Mieders, 32. Sonntag im Jahreskreis B, verwendete Stelle aus der Heiligen Schrift: Markus 12,41–44)