Am Berg und im Leben: Stop, Listen, Go

Gipfelmesse Rote Wand 2025

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Es ist etwas Besonderes, hier heroben auf der Roten Wand zu sein, besonders wenn es für einige das erste Mal ist. Etwas Neues wagen, einen unbekannten Weg gehen, ein Ziel erreichen, von dem man nicht wusste, wie es werden wird. Das gibt es beim Bergsteigen, aber auch im Leben insgesamt.

In der Lesung aus dem Hebräerbrief haben wir von Abraham gehört. Interessant ist, dass er nicht nur als Stammvater der Juden und Christen gilt, sondern auch der Muslime. Gott ruft Abraham, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten soll. Abraham geht, ohne zu wissen, wohin der Weg ihn führen wird. Er bricht im Vertrauen auf Gott ins Unbekannte auf.

Es sind drei Schritte, die bei schwierigen Stellen bei einer Bergtour wertvoll sein können: Stop, Listen, Go. Auf Englisch klingt das kompakt, auf Deutsch übersetzt wäre das vielleicht: Stehen bleiben, hinhören, weiter gehen. Das möchte ich jetzt ein bisschen ausführen:

(1) Stop – Stehen bleiben: Wenn man hier den Grat zum Gipfel der Roten Wand heraufgeht, gibt es mehrere Stellen, die ein bisschen schwieriger sind. Da sind wahrscheinlich alle kurz stehen geblieben um zu schauen: Was ist jetzt der beste Weg?

Auch im Leben gibt es diese Momente, in denen es wichtig ist, innezuhalten: Wenn eine Entscheidung ansteht, wenn Sorgen drücken, wenn der Weg unklar ist. Abraham hätte sagen können: „Ich bleibe lieber da, wo ich alles kenne.“ Aber er bleibt nicht im Stillstand. Sein „Stehenbleiben“ ist kein Aufgeben, sondern ein Innehalten, um dann eine gute Entscheidung zu treffen. Manchmal ist ein wichtiger, erster Schritt, nicht sofort weiter zu rennen, sondern kurz still zu werden und so zu spüren: Ich bin nicht allein unterwegs.

(2) Listen – Hinhören: Wenn es am Berg eine anspruchsvolle Stelle wie eine heikle Querung oder eine Kletterstelle gibt, dann ist es wertvoll, wenn eine Person dabei ist, die diesen Weg schon einmal gegangen ist und diese Erfahrung teilt: „Setz den Fuß dort hin“ oder „Nimm den Griff links“. Hinhören bedeutet, offen zu sein für gute Ratschläge, für die leise Stimme im Inneren, für Gottes Ruf.

Abraham vertraut auf Gottes Ruf und das verändert sein Leben. Er bekommt keine vollständige Landkarte der Zukunft, sondern nur die Zusage: „Ich bin mit dir.“ Im Evangelium heute sagt Jesus: „Eure Lampen sollen brennen.“ Das könnte bedeuten: Sei aufmerksam für das, was dein Innerstes, dein Herz, zu dir sagt, was liebe Menschen um dich herum sagen, was Gott dir heute sagen will.

(3) Go – Weitergehen: Vor schwierigen Stellen am Berg oder in bestimmten Momenten im Leben braucht es dann eine Entscheidung. Entweder weitergehen, oder vielleicht auch ehrlich zu sagen: Heute schaffe ich das nicht! Abraham zieht los und er vertraut auf Gottes Verheißung. Später erlebt er, dass aus einem einzigen Menschen, dessen Kraft schon erloschen war, ein ganzes Volk entsteht, dass Sara auf wundersame Weise Mutter wird. Gott hat aus seinem Schritt ins Ungewisse Großes wachsen lassen.

Wenn ich stehengeblieben bin, einen Weg als den richtigen erkannt habe, und dann mutig weitergehe, dann kann Neues und Großes entstehen. Dann komme ich auf neue Berggipfel, wie hier die Rote Wand, dann erreiche ich Neues im Leben. Oftmals bin ich im Nachhinein froh und dankbar, dass ich im Moment der Entscheidung allen Mut zusammengenommen habe und weitergegangen bin, denn sonst hätte ich das nicht erreicht und erlebt.

Liebe Schwestern und Brüder, drei einfache Worte können uns am Berg und im Leben begleiten: (1) Stop: innehalten, um Kraft zu schöpfen und Gottes Nähe zu spüren. (2) Listen: hinhören auf das, was Gott sagt – durch sein Wort, durch andere Menschen, durch die leise Stimme im Herzen. (3) Go: den Schritt wagen – im Vertrauen, dass Gott mitgeht. So wie Abraham wollen auch wir heute sagen: Gott, wir vertrauen dir. Amen.

(10.8.2025, Rote Wand/2704m, verwendete Stellen aus der Heiligen Schrift: Hebräerbrief 11,1–2.8–12, Lukas 12, 35–40)