Vom Softwareentwickler zum Provinzial

(c) Don Bosco/Julian Pernsteiner

Mit 18 wollte P. Peter Rinderer SDB Elektrotechnik studieren. Dann kam Mexiko dazwischen. Heute ist der Vorarlberger Salesianer Don Boscos, Priester und seit August 2026 Provinzial. Ein Gespräch über Umwege, junge Menschen, den Mut zum Experiment und die Frage, warum weniger Jammern der Kirche guttun würde.

Eigentlich war Technik der Plan

Hätte man dem 18-jährigen Peter Rinderer erzählt, wie sein Leben einmal aussehen würde, hätte er vermutlich freundlich, aber bestimmt widersprochen. Priester? Ordensmann? Oder gar Provinzial? Eher nicht. Damals besuchte der 1986 in Feldkirch geborene Vorarlberger die HTL in Rankweil, entwickelte Software und dachte über ein Elektrotechnikstudium nach. Der Glaube gehörte zu seinem Leben, eine geistliche Karriereplanung hingegen nicht.

Dass es anders kam, hat wesentlich mit Mexiko zu tun. Rinderer absolvierte seinen Auslandszivildienst in Tijuana in einem Jugendprojekt Don Boscos. Er unterrichtete Englisch, organisierte Fußballturniere und begleitete Kinder und Jugendliche bei Ausflügen. Und plötzlich veränderte sich seine Perspektive: „Ein bisschen weg von der Technik, mehr auf der Spur, Menschen zu begleiten, für Menschen da zu sein“, beschreibt er die Veränderung. Und dann war da noch dieser italienische Priester aus dem 19. Jahrhundert: Johannes Bosco. „Der tickt so wie ich. Oder ich ticke so wie er“, dachte sich Rinderer. Eine ungewöhnliche Form der Berufsberatung, aber offenbar eine wirksame.

„Das kann ich nicht“

Ganz aus heiterem Himmel kam die Idee mit dem Priestertum nicht. Schon zuvor war bei einem Einkehrtag der Gedanke aufgetaucht, Gott könnte einen bestimmten Weg für ihn vorgesehen haben. Rinderers Reaktion war eindeutig: „Das kann ich nicht. Ich kann nicht da vorne stehen und predigen.“ Ein paar Jahre später stand er dann doch vorne und predigte.

2009 legte er seine erste Profess ab. Es folgten ein Studium der Theologie, ein Studium der Sozialen Arbeit sowie Ausbildungen in Sozialmanagement, Medienarbeit und Journalismus. 2015 kam die ewige Profess, 2018 die Priesterweihe. Dass eine solche Entscheidung Verzicht bedeutet, redet Rinderer nicht klein. Vor der ersten und der ewigen Profess stellte sich für ihn die Frage nach einem eigenen Familienleben neu, und als seine Brüder Kinder bekamen, kam sie erneut auf.

Seine Eltern gingen unterschiedlich damit um. Die Mutter freute sich über den Priester in der Familie, weniger darüber, dass der Sohn dafür Vorarlberg verließ. Der Vater sah es pragmatisch: „Du musst das finden, was dir Freude macht, und ich unterstütze dich.“

Die offene Bürotür

Wer Rinderer verstehen will, muss über Jugendliche sprechen. Die Arbeit mit jungen Menschen ist das Herzstück der Salesianer Don Boscos. Als Leiter eines Schülerheims lebte er mit rund 150 Jugendlichen unter einem Dach. Seine Methode war denkbar unkompliziert: War die Bürotür offen, durfte man hereinkommen. Eine gemütliche Sitzecke und Süßigkeiten halfen offenbar ebenfalls, ins Gespräch zu kommen.

Entscheidend ist das Gespräch. Wenn ein Jugendlicher sagt, er brauche Gott nicht, reagiert Rinderer nicht mit einer theologischen Verteidigungsrede. Er fragt: Wie bist du zu dieser Erkenntnis gekommen? Kritik, Sorgen und offene Fragen muss man ernst nehmen. Und manchmal, sagt der Priester mit entwaffnender Offenheit, hat auch er schlicht keine Antwort. Gerade darin sieht er eine Voraussetzung für glaubwürdige Jugendpastoral. Schon als Religionslehrer sagte er seinen Schülerinnen und Schülern sinngemäß: Ihr könnt anderer Meinung sein, aber findet Argumente dafür.

Provinzial mit Bodenhaftung

Seit 15. August 2026 ist P. Peter Provinzial und damit derzeit der jüngste Provinzial der Salesianer Don Boscos weltweit. Als der Anruf aus Rom kam, war sein erster Gedanke: „Die trauen mir viel zu.“ Seine Haltung zur neuen Aufgabe hatte er da bereits gefunden: „Ich bin gesendet.“ Er sucht sich seinen Platz nicht selbst aus. Wenn Mitbrüder und Ordensleitung ihm die Aufgabe zutrauen, will auch er darauf vertrauen.

Aus dem Jugendseelsorger wird damit zwangsläufig auch ein Stück weit ein Manager. Ausschließlich das möchte Rinderer aber nicht sein. Jugendprojekte, Bergmessen und Radtouren plant er weiterhin in seinen Kalender ein. Notfalls fährt der Provinzial eben mit dem Fahrrad zum Termin.

Auch sein Leitungsverständnis klingt wenig nach einer einsamen Kommandozentrale. Er hofft ausdrücklich, dass Menschen ihm sagen, wenn eine Entscheidung „Blödsinn“ war. Kirche und Ordensgemeinschaften müssen experimentieren dürfen, manchmal geht es zwei Schritte vor und einen zurück. Entscheidend ist eine gemeinsame Blickrichtung.

Weniger jammern, mehr „Coraggio“

Für seine sechsjährige Amtszeit formuliert Rinderer kein Programm mit konkreten Zahlen. Sein Wunsch klingt einfacher und ist vermutlich schwieriger zu erreichen: Jeder Mitbruder soll sagen können: „Ich bin ein glücklicher Salesianer.“ Nicht die Zahl der Ordensleute ist entscheidend, sondern ob die Gemeinschaft dort ist, wo sie gebraucht wird.

Überhaupt hält P. Peter wenig vom kirchlichen Blick in den Rückspiegel. Früher waren die Zahlen größer, aber ob ein „Mitläufer-Christentum“ deshalb besser war, bezweifelt er. Jammern darf man, sofern daraus der Wille entsteht, etwas zu verändern.

Und wenn der Provinzial nicht über die Zukunft seiner Gemeinschaft nachdenkt? Dann zieht es ihn auf den Berg oder aufs Fahrrad. Musikalisch sollte man hingegen nicht allzu viel von ihm erwarten. Auf die Frage, was er überhaupt nicht könne, antwortet er: „Bei der Musik bin ich unterdurchschnittlich talentiert.“ Strukturieren und analysieren kann er dagegen ziemlich gut. Für einen Provinzial möglicherweise die günstigere Talentverteilung.

Und was würde Don Bosco seinem Salesianer heute mitgeben? „Coraggio.“ Mut haben. Auf Gott vertrauen. Und weitergehen. Das klingt nach einem ganz brauchbaren Arbeitsprogramm für die nächsten sechs Jahre.

(Ordensnachrichten 4/2026, von Robert Sonnleitner)

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