Durch die Bibel spricht Gott zu den Menschen

Henri de Lubac leistet durch die Verteidigung des geistigen Schriftsinns einen bedeutsamen Beitrag zur Bibelhermeneutik im 20. Jahrhundert. Christliches Lesen der Heiligen Schrift ist nie nur historisch, sondern immer auch spirituell.

Eine Schlüsselfrage für Christinnen und Christen ist die Art und Weise, wie die Bibel zu lesen ist. Der französische Jesuit Henri de Lubac (1896-1991) weist in seinen umfangreichen theologiegeschichtlichen Studien nach, dass die Kirche immer einen wörtlichen Sinn (Sensus literalis) und einen geistigen Sinn (Sensus spiritualis) kannte und angewendet hat, also eine historische und eine übertragene Interpretation. Analog dazu unterscheidet die allgemeine Hermeneutik zwischen Erklären und Verstehen. Eine 2017 verfasste Diplomarbeit untersucht den geistigen Schriftsinn bei de Lubac und dessen Relevanz für die Gegenwart. [1]

Bedeutung der Geschichte
Es war die aufstrebende Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert, die Anfragen an die vielfach geschichtsenthobene katholische Bibelwissenschaft stellte. Erst 1943 wurde die sogenannte historisch-kritische Bibelexegese in der päpstlichen Enzyklika Divino afflante Spiritu gutgeheißen, also in der Schaffenszeit Henri de Lubacs. Der französische Theologe war sehr sensibel für die Geschichte: „Gott handelt in der Geschichte, offenbart sich durch die Geschichte, noch mehr: Er geht selbst ein in die Geschichte und gibt ihr so jene ‚tiefere Weihe‘, die uns dazu verpflichtet, sie im letzten Sinne ernst zu nehmen.“ [2] Dabei stützte sich de Lubac auf die Philosophie Maurice Blondels (1861-1949). Die Konzilskonstitution Dei Verbum bestätigte die Bedeutung historisch-kritischer Exegese, doch Joseph Ratzinger ortete bereits 1968 ein ungeklärtes Nebeneinander zwischen historisch-kritischer Methode und der Auslegung der Tradition der Kirche. [3]

In der unmittelbaren Nachkonzilszeit entstanden viele historisch-kritische Untersuchungen zur Bibel, die wichtige Erkenntnisse lieferten. Theologen wie Walter Kasper warnten jedoch Jahrzehnte später vor einer Überbetonung des historischen Sinnes. Durch eine Anhäufung von Hypothesen driften Dogmatik, Exegese und Spiritualität immer mehr auseinander. [4] Joseph Ratzinger versuchte in seiner Zeit als Papst mit seinem dreibändigen Werk Jesus von Nazareth den „Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus darzustellen“ [5]. Für ihn sind historisch-kritische Forschungen unumgänglich, bleiben aber methodisch in der Vergangenheit. Biblische Texte enthalten für das Volk Gottes immer eine innere Offenheit für Größeres.

Gewährsmann Origenes
Henri de Lubac warnt vor Einseitigkeiten in die eine, wie in die andere Richtung. Wird der historische Sinn überbetont, dann bleibe die Bibel ein Dokument einer längst vergangenen Zeit ohne Relevanz für heute. Bei einer Verabsolutierung des geistigen Sinns entziehe man der Bibel ihre historische Grundlage. Dann wird die Menschwerdung Gottes untergraben, denn in Jesus von Nazareth ist Gott in die Geschichte eingetreten.

Henri de Lubac entdeckte, dass die frühe Kirche die Gefahr der Einseitigkeiten ebenso kannte. Dem alexandrinischen Theologen Origenes (ca. 185-254) gelang ein guter Weg der Mitte, er selbst erlitt aber eine wechselvolle Wirkungsgeschichte bis hin zu Lehrverurteilungen. Die noch junge Kirche war einerseits herausgefordert durch die wörtliche Auslegung der Juden und andererseits durch die rein spiritualistische Leseweise der Gnostiker.

Origenes nennt ein sprechendes Bild, um die Bedeutung beider Sinne zu verdeutlichen. Wie in Jesus Christus sich Menschliches und Göttliches verbinden, so sind für die Erkenntnis Christi der geschichtliche und der geistige Sinn bedeutsam. [6] De Lubac verteidigt Origenes, der in den Folgejahrhunderten in Ungnade gefallen war, und leistet mit einer eigenen Monografie einen Beitrag zu seiner Rehabilitation.

Ein Blick in die Biografie Henri de Lubacs zeigt Parallelen zu Origenes, denn auch er fiel zeitweise in Ungnade. De Lubac war ab 1929 Professor für Fundamentaltheologie in Lyon und veröffentlichte 1938 sein Erstlingswerk Catholicisme, das seine theologischen Grundeinsichten bereits enthält. Catholicisme wird schnell ein theologischer Bestseller und bahnbrechend für die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). De Lubac und anderen Theologen wurde jedoch bald Modernismus vorgeworfen, was zu einem mehrjährigen Entzug der Lehrerlaubnis (1950-1958) führte.

Eine Rehabilitation erfuhr er 1960 durch die Einberufung in die Vorbereitungskommission des Konzils. Rückblickend kann de Lubac als Brückenbauer betrachtet werden: zwischen Philosophie und Theologie, zwischen Kirchenvätern und Moderne, zwischen Exegese und Dogmatik, zwischen Altem und Neuem Testament.

Christologische Auslegung der gesamten Bibel
Eine Definition des geistigen Schriftsinns nach Henri de Lubac könnte lauten:

Der geistige (Schrift-)Sinn ist die vom Heiligen Geist ermöglichte, christologische Auslegung unter Berücksichtigung der Einheit der Schrift.

Mit Jesus von Nazareth ist etwas vollkommen Neues in die Geschichte gekommen. Als einfacher Mann in einem unbedeutenden Gebiet geboren, deutet zuerst wenig darauf hin. Mit dem Tod am Kreuz und der Auferstehung nimmt sein Leben eine überraschende Wendung. Die Jesus-Bewegung wächst schnell und die jüdischen Schriften werden revolutionär neu gedeutet, indem deren Erfüllung in Jesus Christus gesehen wird. [7] Für die Kirche ist das Christusereignis unüberbietbar. Das Evangelium bezeugt die endgültige Offenbarung Gottes in Jesus Christus. [8] Das Christusereignis wird zum Leseschlüssel der gesamten Schrift.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang das erneuerte Offenbarungsverständnis des Zweiten Vatikanums. Offenbarung ist geschichtlich und personal und keine Information übernatürlicher, satzhafter Wahrheiten, wie im sogenannten instruktionstheoretischen Offenbarungsverständnis der Neuscholastik, das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschend war. Offenbarung ist vielmehr Selbstkundgabe Gottes. Schon Irenäus von Lyon (ca. 135-202) sagte: „Alles Neue hat Er gebraucht, indem Er sich selbst brachte.“ [9]

Die Heilige Schrift gibt Zeugnis von der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Eine solche Einordnung schützt vor vorschnellen, wörtlichen Interpretationen, die in fundamentalistischen christlichen Strömungen anzutreffen sind. Jesus Christus ist der „Logos“, das WORT Gottes. Ihn gilt es durch das Zeugnis der Schrift tiefer kennenzulernen. In diesem Verständnis wird jedes Bibellesen zu einem religiösen Akt und dient einem tieferen Verstehen Gottes. Zugleich bleibt Gott für die Menschen immer ein Geheimnis: „Kommst du an ein Ende, so ist es nicht Gott.“ [10]

Altes und Neues Testament sind untrennbar
In der Geschichte war die Einheit zwischen dem sogenannten Alten und Neuen Testament der Bibel immer wieder in Gefahr. Markion (ca. 85-169) wollte das Alte Testament komplett verwerfen, seine Lehre wurde aber von der Kirche verworfen. Gegenwärtig ist diese Diskussion neu aufgeflammt, weil der evangelische Theologe Notger Slenczka für eine Herabstufung des Alten Testaments plädiert hat. Als Grund nennt er die unerlaubte christliche Vereinnahmung eines Dokuments, das für das Judentum konstitutiv ist.

Für Henri de Lubac ist die Einheit der beiden Testamente ein Schlüsselprinzip christlicher Bibelinterpretation. Schon bei Origenes war die Bibel ein einziges Buch mit zwei Testamenten, die dialektisch zueinanderstehen. Die Einheit sieht de Lubac nicht im Menschen, sondern in Gott: „Einer und derselbe ist der Gott des Alten und des Neuen Bundes […] Das völkische Israel ist universale Kirche geworden, aber es ist noch immer dasselbe Volk Gottes.“ [11] Die Schrift legt sich durch sich selbst aus, der Teil durch das Ganze. Jesus greift die alten, biblischen Begriffe des Volkes Israel auf. Indem er diese Begriffe auf sich selbst anwendet, sprengt er sie.

Durch Jesus Christus ergibt sich eine andere Lesart des Alten Testaments, wie der Apostel Paulus in seinen Briefen zeigt: „Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes.“ (2 Kor 3,6) Für de Lubac ist das Neue Testament der geistige Sinn des Alten Testaments, wie es auch das Zweite Vatikanische Konzil bestätigte. [12]

Die Einheit der beiden Testamente wird durch neuere Forschungsergebnisse gestützt. Sie zeigen, dass zwischen Judentum und Christentum nicht so sehr von einem Eltern-Kind-Verhältnis gesprochen werden kann, sondern vielmehr von einem Geschwistermodell. Das rabbinische Judentum entwickelte sich parallel zum Christentum, indem das Christusereignis anders interpretiert wurde. [13]

Auslegung im Heiligen Geist
Neuere literaturwissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen, dass jeder Text potentiell mehrdeutig ist. Die Kirche als Rezeptionsgemeinschaft der christlichen Heiligen Schrift grenzt die Mehrdeutigkeit durch die sogenannte „Analogia fidei“ ein. Die Interpretation darf nicht der Gesamtbotschaft des christlichen Glaubens widersprechen.

Das empfangende Subjekt des Wortes Gottes hat somit eine besondere Bedeutung. Ein einzelner Christ oder eine Gemeinschaft lesen die Bibel in einer spezifischen Situation und aktualisieren sie für ihren Kontext. Sie nähern sich dem Geheimnis Gottes forschend und betend zugleich: „Öffnen wir unsere Bibel nicht nur als gläubige Historiker […] sondern als Glaubende, die mit der ganzen Konsequenz ihres Glaubens einen religiösen Akt vollziehen.“ [14] Für de Lubac geschieht das innerhalb der Kirche, den sie ist es, die das Wort Gottes tradiert hat und es weiterhin tut. So wird die Heilige Schrift lebendig, so spricht Gott auch heute durch die Bibel zu den Menschen. Die Heilige Schrift der Christen will „nicht informieren, sondern transformieren“ [15].

Anmerkungen:
[1] Vgl. Peter Rinderer: Der geistige Schriftsinn bei Henri de Lubac. Diplomarbeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, 2017.

[2] Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe. Catholicisme, Einsiedeln 1992, 3. Aufl., S. 145 (französisches Original: Catholicisme. Les aspects sociaux du dogme, 1938).

[3] Vgl. Joseph Ratzinger, Die Bedeutung der Väter im Aufbau des Glaubens, JRGS 9/1, Freiburg i. Br. 2016, S. 500.

[4] Vgl. Walter Kasper, Prolegomena zur Erneuerung der geistlichen Schriftauslegung, erstmals erschienen 1989, WKGS 5, Freiburg i. Br. 2015, S. 395ff.

[5] Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Erster Teil, Freiburg i. Br. 2007, S. 20.

[6] Vgl. William M. Wright, The Literal Sense of Scripture According to Henri de Lubac, in: Modern Theology 28 (2/2012), S. 259.

[7] Vgl. Henri de Lubac, Typologie – Allegorie – Geistiger Sinn, Einsiedeln 2014, 3. Aufl., S. 378.

[8] Vgl. Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes, Einsiedeln 1968, S. 273 (französisches Original: Histoire et Esprit. L’intelligence de l’Écriture d’après Origène, 1950).

[9] Irenäus, Adversus haereses 4,34.

[10] Augustinus, Sermo 53,12.

[11] Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes, Einsiedeln 1968, S. 471.

[12] Vgl. Dei Verbum 16.

[13] Vgl. Päpstliche Bibelkommission, Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der christlichen Bibel, Nr. 22.

[14] Henri de Lubac, Geist aus der Geschichte. Das Schriftverständnis des Origenes, Einsiedeln 1968, S. 505.

[15] Ludger Schwienhorst-Schönberger, Einheit statt Eindeutigkeit – Paradigmenwechsel in der Bibelwissenschaft?, in: HerKorr 57 (2003), S. 414f.

2 Kommentare zu „Durch die Bibel spricht Gott zu den Menschen

  1. tolle Zusammenfassung deiner wichtigen Arbeit. hab immer gespürt, dass es die Polarität von historisch-kritischem und geistlichem Zugang ist, die mir die Heilige Schrift am ehesten als Weg zu Christus erschließt. Danke Peter!

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