Rorate und andere Challenges

Rorate

Frühmorgens um 5.45 Uhr in der Kirche zu sein und einen Gottesdienst mitzufeiern, ist ziemlich früh, aber für viele Menschen ein Fixpunkt in der Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Diese Gottesdienste vor Tagesanbruch und bei Kerzenschein heißen „Rorate“. Die Musik ist immer etwas Besonderes. Einmal erklingen schöne Harfenmelodien, ein andermal ein Chorensemble. Diese Gesamtkonzeption berührt die Herzen vieler Menschen so sehr, dass die Kirchen in aller Früh voll sind. Die „Rorate“-Gottesdienste sind ein Beispiel dafür, dass etwas Herausforderndes guttun kann.

Menschen lieben Rhythmus: zur gleichen Zeit aufstehen, die übliche Morgenroutine, die Aufgaben des Tages, fixe Essenszeiten und so weiter. Eine Strukturierung des Tages und der Woche gibt Sicherheit und steigert die Erwartbarkeit: „Ich habe alles im Griff!“ Dass diese Grundausrichtung sogar die Lebenserwartung um mehrere Jahre erhöht, hat die sogenannte Klosterstudie nachgewiesen, nach der Ordensmänner durchschnittlich fünf Jahre älter werden als die männliche Allgemeinbevölkerung. Doch immer nur Sicherheit und Rhythmus bringen uns im Leben nicht weiter. Hier kommen Challenges wie die frühmorgendliche „Rorate“ ins Spiel: nicht in der Komfortzone bleiben, sondern sich etwas trauen. Wenn ich meinen Handlungsspielraum kenne, kann ich mich an meine Grenzen herantasten und sie Schritt für Schritt verschieben.

Biblisch gesprochen heißt das bei Johannes dem Täufer Umkehr oder bei Abraham Aufbruch. Johannes der Täufer als Vorläufer Jesu ruft den Menschen zu: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ (Matthäus 3,2) Es sind wahrscheinlich seine Glaubwürdigkeit und Echtheit, die auf die Menschen trotz herausfordernder Botschaft faszinierend wirken. Abram, später Abraham genannt, empfängt von Gott den Auftrag: „Geh fort aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen.“ (Genesis 12,1f) Abraham ist später für seinen Mut belohnt worden.

Der Advent oder auch der Jahresbeginn sind Zeiten, um die pure Routine bewusst zu verlassen, Grenzen zu überschreiten und Neues zu wagen. Manche Challenges bringt das Leben, andere Challenges braucht es im Leben, um als Mensch zu wachsen.

(Tiroler Tageszeitung, 18. Dezember 2021)

Geistliche Worte in der Tiroler Tageszeitung im Dezember 2021:

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