„Das Wichtigste ist die Sehnsucht nach Gott“

Sr. Nathanaela unterschreibt ihre eigenhändig geschriebene Professurkunde.

„Benediktinerinnen der Anbetung“ im Aufschwung: Nach Klostervergrößerung und Kirchweihe legen zwei Schwestern ihre ewigen Gelübde ab.

Zwei junge Ordensschwestern schreiten am Ende eines Prozessionszuges zum Kirchenausgang. Alle Blicke in der vollbesetzten Klosterkirche sind auf die beiden Frauen gerichtet, während die Orgel Fanfaren spielt. Mit ruhigen Schritten gehen sie nebeneinander, auf den Lippen sitzt ein zaghaftes Lächeln. Es ist ein Freudentag bei den „Benediktinerinnen der Anbetung“, ein Kloster mit angeschlossener sozialpädagogischer Einrichtung in Wien-Ottakring. Schwester Nathanaela und Schwester Faustine kamen vor sieben Jahren zum ersten Mal auf Besuch und blieben. Vor wenigen Augenblicken haben sie im Gottesdienst ein Versprechen für ihr ganzes Leben abgelegt. Sie wollen nach der Regel des heiligen Benedikt leben, beten und arbeiten.

Ora et labora

„Beim Versprechen hatte ich eine innere Ruhe, obwohl ich in ähnlichen Momenten oft nervös bin“, erzählt die 28-jährige Schwester Nathanaela einige Tage später bei Kaffee und Kuchen. Sie legt ihre Arbeitsunterlagen auf die Seite und atmet tief durch. Die Ordensfrau kommt direkt aus ihrer sozialpädagogischen Wohngruppe „Emmaus“ im Nebengebäude. Einem Kind erfüllte sie noch eine Bitte und plante mit einer Mitarbeiterin die folgenden Tage. „Dass ich im Kloster so viel Flexibilität brauche, hätte ich mir nie gedacht“, erzählt die junge Ordensfrau schmunzelnd. „Oft gehen Gebet und Arbeit ineinander über.“

Im vergangenen Jahr schloss Schwester Nathanaela das Soziale-Arbeit-Studium ab und arbeitet seither Vollzeit in einer Wohngruppe mit neun Kindern. Sie leben hier, weil sie Behinderungen haben und das familiäre Netzwerk zu schwach ist. Schwester Nathanaela betreut die Kinder gerne. Sie hilft bei Hausaufgaben, verarztet bei Verletzungen oder hört einfach zu. Das schlichte Dasein ist gefragt: „Wir lachen viel, das ist extrem wichtig.“ Auch wenn sie manchmal streng ist, lässt sie die Kinder spüren: „Ich mag dich.“ Eine große Stütze ist für die junge Benediktinerin das Gebet. Besonders die morgendliche Gebetszeit gibt ihr Kraft für den Tag: „Wenn ich Nachtdienst habe und nicht dabei sein kann, fehlt mir etwas.“

„Nicht meine Idee“

Vor sieben Jahre trat Schwester Nathanaela bei den „Benediktinerinnen der Anbetung“ in Wien ein. Die Steirerin arbeitete als Marketingassistentin und war damit ganz zufrieden. Ein Gespräch mit einer gläubigen Freundin brachte sie zum Nachdenken: „Damals entschieden sich zwei gleichaltrige Männer Priester zu werden und ich konnte das überhaupt nicht verstehen.“ Das Internet und die gut gepflegte Website der Benediktinerinnen führten sie nach Wien. Sie schnupperte eine Woche ins Klosterleben mit dem Ergebnis: „Nichts für mich.“ Abgeschlossen war die Frage damit nicht. Mehrere Monate später entschied sie sich zum Klostereintritt.

Sie bekommt den Namen Nathanaela und lernt die Benediktsregel kennen und schätzen: „Diese Lebensregel atmet viel Menschenfreundlichkeit und Ausgeglichenheit. Der Mensch steht im Mittelpunkt.“ Sie sei ein sehr umtriebiger Mensch gewesen, erzählt die Ordensfrau. Im Kloster hat sie die Stille schätzen gelernt: „Ich brauche die Stille.“ Sie betet täglich für die Anliegen vieler Menschen, die über Telefon, E-Mail oder Facebook das Kloster erreichen. In der Gemeinschaft sind alle Generationen vertreten. An den älteren Schwestern bewundert sie „das geschenkte Vertrauen und die Treue im Gebet“. Dankbar ist sie für die zwei Jahre ältere Mitschwester Faustine: „Von ihr habe ich viel gelernt.“ Bereut hat Schwester Nathanaela den Ordenseintritt nie: „Natürlich habe ich mich ein paar Mal gefragt, ob ich im Kloster richtig bin und spürte dann schnell: Ja, das ist mein Platz.“

Die „Benediktinerinnen der Anbetung“ wurden im 19. Jahrhundert durch Pfarrer Alois Faller (1816-1894) gegründet. Trotz finanzieller Schwierigkeiten begannen einige Frauen in Bellemagny im heutigen Frankreich mit dem monastischen Leben. Im neugegründeten Kloster soll Gott durch Gebet und caritative Tätigkeiten verherrlicht werden. 1903 kamen die ersten Schwestern nach Wien, 1930 übernahmen sie das heutige Haus in Wien-Ottakring, eine ehemalige Villa. Drei Säulen charakterisieren den Alltag der Schwestern: das klösterliche Leben in Gemeinschaft, die praktischen Aufgaben in der Kinderbetreuung und der Verwaltung, sowie die Anbetung. Tagsüber ist ununterbrochenes Gebet in der Klosterkirche, jede Schwester übernimmt eine Stunde dieses Gebetsdienstes. Sechs Schwestern und 20 angestellte Mitarbeiterinnen bilden das pädagogische Team in den drei Wohngruppen, andere Schwestern kümmern sich um Küche, Haus und Garten.

Im Aufschwung

Schwester Nathanaela ist nicht die einzige Junge bei den „Benediktinerinnen der Anbetung“. Seit 1992 erlebt die Gemeinschaft einen Aufschwung mit einigen Klostereintritten. „Die Hälfte ist unter 45 Jahren“, erzählt die Steirerin. Von den 21 Ordensfrauen ist Schwester Rahel mit 20 Jahren die jüngste und Schwester Mechtild die Seniorin mit 89 Jahren. Um das Kloster zukunftsfit zu machen, startete die Ordensleitung einen Erneuerungsprozess. Ein Teil sind umfangreiche Bauarbeiten. Bereits im Juni 2014 wurde die neugebaute Klosterkirche geweiht. Zusätzlich werden sanierte Schwesternzimmer, eine Bibliothek und Therapieräume für die Kinder entstehen.

In dieser Zeit hatte Schwester Magdalena die Bauleitung inne, ein ziemlicher Kontrast zur pädagogischen Leitung der Wohngruppen. Die gebürtige Polin wurde vor einem halben Jahr zur neuen Priorin gewählt und trägt nun die Gesamtverantwortung: „Ich möchte den Willen Gottes suchen.“ Die 45-jährige Priorin ist offen für neue Wege und Aufgaben, aus dem Gebet heraus will sie mit ihren Mitschwestern die „Zeichen der Zeit“ entdecken. Im Gästehaus sollen nach dem Umbau Einkehrtage und andere Kurse angeboten werden: „Zwei Schwestern werden Ikonenmalkurse anbieten.“ Schwester Magdalena sieht die Aufgabe der Benediktinerinnen auch darin, den Menschen das Beten zu lehren und sie seelsorglich zu begleiten: „Wir wollen eine offene Gemeinschaft sein, die Teilnahme an den Gebetszeiten ist immer möglich.“

Sehnsucht war stärker

Schwester Magdalena entschied sich vor 20 Jahren für den Weg als Benediktinerin. Sie kam nach Österreich um Germanistik und Heilpädagogik zu studieren. „Es war eine Flucht aus Polen vor meiner Berufung“, erzählt sie in der Rückschau. In Wien kommt sie mit den „Benediktinerinnen der Anbetung“ in Kontakt. Die Kombination von Kinderbetreuung und Gebet gefiel ihr, doch sie hielt sich für „nicht geeignet“. Schlussendlich war die Sehnsucht stärker: Mit 24 Jahren trat sie in das Kloster ein und es wurde ihre Heimat: „Die Kinder geben mir Dynamik, die Anbetung ist mein Ruhepol.“

Ordensleben bedeutet für Schwester Magdalena Gottsuche: „Das Wichtigste ist die Sehnsucht nach Gott, nicht mehr und nicht weniger. Wer Gott einmal gekostet hat, kann nicht mehr loslassen.“ Als Novizenmeisterin half sie den beiden jungen Schwestern auf ihren ersten Schritten im Ordensleben. Als Priorin nimmt sie das Versprechen von Schwester Nathanaela und Schwester Faustine entgegen. Freudestrahlend umarmt sie die beiden nach dem Gottesdienst: „Ihr seid ein Geschenk Gottes.“

(Erschienen am 11. Juni 2015 in “Die Furche”, Foto: cross-press.net)

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